Achtsamkeit bei Kindern und Jugendlichen
Wenn im Kopf ganz schön viel los ist
Schule, Hausaufgaben, Freunde, Familie, Sport, Klassenchat, TikTok, Insta, Gaming – und irgendwo dazwischen noch ein bisschen Nichtstun. Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer Welt auf, in der unglaublich viel gleichzeitig passiert. Informationen sind jederzeit verfügbar, Nachrichten kommen laufend rein und das Smartphone sorgt dafür, dass Freunde, Unterhaltung und die Welt eigentlich immer dabei sind. Das Digitale gehört zu ihrem Leben. Es verbindet, unterhält und schafft Zugehörigkeit. Gleichzeitig ist Abschalten schwieriger geworden.
Und damit ist nicht nur das Smartphone gemeint. Auch im Kopf läuft einiges: Was muss ich noch machen? Was denken die anderen über mich? Bin ich gut genug? Habe ich etwas verpasst? Wie war die Prüfung? Warum antwortet sie nicht? Vielleicht ist Achtsamkeit gerade deshalb heute so aktuell.
Achtsamkeit – klingt ein bisschen nach Räucherstäbchen?
Zugegeben: Der Begriff hat in den letzten Jahren Karriere gemacht. Wir sollen achtsam essen, arbeiten, kommunizieren, lernen und natürlich leben. Dabei geht es im Grunde um etwas Unspektakuläres: mitzubekommen, was gerade in mir und um mich herum passiert, bevor ich automatisch darauf reagiere. Was denke ich gerade? Wie fühlt sich mein Körper an? Bin ich angespannt oder ruhig? Was beschäftigt mich?
Online und trotzdem bei sich bleiben
Digitale Medien können für Jugendliche Belastung sein, gleichzeitig sind sie wichtiger Teil von Freundschaften, Austausch und Zugehörigkeit. Entscheidend ist, wie sie genutzt werden. Aber wir dürfen nicht ausblenden, dass sie auch eine neue Form von sozialem Druck mit sich bringen. Was wird über mich geschrieben? Wer hat welches Bild gesehen oder weitergeschickt? Bin ich in der Gruppe dabei – oder gerade Thema der Gruppe? Wie reagieren andere auf das, was ich poste? Und was passiert in den Chats, wenn ich nicht online bin?
Ein Teil der eigenen sozialen Welt findet damit in einem Raum statt, über den Kinder und Jugendliche nur begrenzt Kontrolle haben. Was einmal verschickt oder über jemanden geschrieben wurde, lässt sich nicht einfach zurückholen. Und während früher manches mit dem Verlassen des Schulhauses zumindest für den Moment vorbei war, so kommt die Klasse heute digital bis ins Kinderzimmer.
Dabei spielen zwei Aspekte eine zentrale Rolle: Unsere Aufmerksamkeit, die heute oft im Minutentakt wechselt von Hausaufgabe, Nachricht, zurück zur Aufgabe, ein Video, ein Gedanke an morgen, wieder zurück. Und Achtsamkeit in Bezug auf unser Verhalten und die Wirkung von Nachrichten. Achtsamkeit bedeutet deshalb nicht: Handy weg und jetzt entspannen oder auf nur etwas konzentrieren. Sondern zunächst wahrzunehmen: Wo ist meine Aufmerksamkeit gerade? Was zieht sie immer wieder weg? Und kann ich selbst entscheiden, wohin ich sie als Nächstes richte?
Nicht jedes unangenehme Gefühl muss sofort weg
Gefühle kommen bei Kindern und Jugendlichen manchmal mit voller Wucht hoch. Eine kränkende Nachricht, eine schlechte Note, ein Streit mit Freunden und schon sind Wut, Angst oder Enttäuschung da. Wir Erwachsenen möchten dann gerne helfen: Mach dir nicht so viele Gedanken. Das ist doch nicht so schlimm. Gut gemeint. Nur verschwinden Gefühle nicht auf Kommando.
Achtsamkeit setzt vorher an: Ah, ich werde gerade richtig wütend. Mein Herz schlägt schneller. Da ist wieder dieser Gedanke. Etwas wahrzunehmen ist etwas anderes, als ihm automatisch folgen zu müssen. Achtsamkeit hilft Kindern und Jugendlichen zu verstehen, welche Wirkung Nachrichten oder Erlebnisse auf sie haben, diese Gefühle zuzulassen und im besten Fall mit jemandem darüber zu sprechen.
Achtsamkeit ist kein Zaubertrick
Auch die Forschung beschäftigt sich intensiv mit Achtsamkeit bei Kindern und Jugendlichen. Studien finden Hinweise darauf, dass Achtsamkeit unter anderem Aufmerksamkeit sowie emotionale und verhaltensbezogene Regulation unterstützen kann. Die Effekte sind allerdings häufig eher klein und nicht jedes Kind profitiert gleichermassen. Daher: Ein paar Atemübungen machen aus einem gestressten Kind nicht automatisch ein entspanntes. Und Achtsamkeit beseitigt weder schulischen Druck noch Konflikte oder andere Belastungen. Ein achtsames Kind ist auch nicht das Kind, das still dasitzt, sich immer konzentrieren kann und nie ausflippt.
Kinder dürfen laut, begeistert, wütend, traurig und manchmal völlig neben der Spur sein.
Achtsamkeit bedeutet vielmehr, sich selbst zunehmend kennenzulernen: Jetzt wird es mir zu viel. Das macht mich nervös. Hier brauche ich eine Pause. Dieser Gedanke setzt mich unter Druck. Das tut mir gerade gut.
Und wir Erwachsenen?
Wir können Kindern viel über Achtsamkeit erzählen. Nachhaltiger ist, was wir ihnen vorleben. Wie oft schauen wir selbst beim Essen aufs Handy? Hören wir noch zu, wenn gleichzeitig eine Nachricht aufleuchtet? Und wie gehen wir mit unserem eigenen Stress um?
Kinder brauchen keine perfekt achtsamen Eltern. Aber Erwachsene, die hin und wieder selbst innehalten, zuhören, den Momenten Raum schenken und nicht jede unangenehme Situation sofort lösen müssen, vermitteln etwas Wichtiges: Wer sich selbst wahrnimmt, kann bewusster entscheiden, was gerade wichtig ist.
«Wer zunehmend erkennen und benennen kann, was in ihm vorgeht, bekommt eher die Möglichkeit, damit umzugehen.»
So unterstütze ich Ihr Kind
Ich verstehe Achtsamkeit nicht als weitere Aufgabe, die ein Kind nun auch noch „gut können“ soll. Es geht darum, den eigenen Körper wahrzunehmen, Gedanken und Gefühle früher zu erkennen, Aufmerksamkeit bewusst zu lenken und herauszufinden, was persönlich hilft, wieder zur Ruhe zu kommen. Achtsamkeit fliesst unter anderem ein in Themen vom Lerncoaching wie Blackout bei Prüfungen oder Lernblockaden bei Kindern und Jugendlichen.
In einer Welt, die Kindern und Jugendlichen ständig etwas anbietet, zeigt, schickt und abverlangt, kann eine Fähigkeit besonders wertvoll sein: die eigene Aufmerksamkeit immer wieder bewusst zu sich und dem zurückzuholen, was gerade wirklich wichtig ist.
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