Lernblockaden bei Kindern und Jugendlichen
Wenn Lernen zum täglichen Kampf wird
Die Hausaufgaben liegen auf dem Tisch. Eigentlich wäre klar, was zu tun ist. Doch statt anzufangen, wird diskutiert, getrödelt, aufgestanden oder plötzlich ist alles andere wichtiger. Und irgendwann liegen nicht nur die Schulbücher auf dem Tisch, sondern auch jede Menge Frust. Für Eltern kann das ganz schön herausfordernd sein. Man möchte helfen, motiviert, erklärt, erinnert, ermuntert und merkt gleichzeitig: Je mehr ich versuche, mein Kind zum Lernen zu bringen, desto weniger kommen wir voran.
Wenn „keine Lust“ nicht die ganze Geschichte erzählt
Natürlich haben Kinder nicht immer Lust auf Hausaufgaben oder Lernen. Wer hätte die schon? Wenn Lernen jedoch regelmässig mit starkem Widerstand, Frust, Rückzug oder Selbstzweifeln verbunden ist, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn hinter einer Lernblockade kann Unterschiedliches stecken. Vielleicht gab es wiederholt schlechte Erfahrungen in einem Fach. Vielleicht fühlt sich ein Kind überfordert oder glaubt längst, etwas ohnehin nicht zu können. Vielleicht spielt eine schwierige Situation mit einer Lehrperson oder in der Klasse mit hinein. Oder der Druck, gute Leistungen bringen zu müssen, ist so gross geworden, dass Lernen kaum noch unbelastet möglich ist.
Lerncoaching betrachtet deshalb nicht nur den sichtbaren Widerstand, sondern fragt: Was steckt dahinter?
Ich kann das nicht ist ein mächtiger Satz
Kinder ziehen aus ihren Erfahrungen ihre eigenen Schlüsse. Aus Diese Prüfung ist schlecht gelaufen kann mit der Zeit Ich bin schlecht in Französisch werden. Aus Das fällt mir schwer die Überzeugung Ich bin einfach nicht klug genug. Und wer davon überzeugt ist, etwas sowieso nicht zu können, geht verständlicherweise anders an die nächste Aufgabe heran als jemand, der sich etwas zutraut. Solche inneren Überzeugungen sind für Kinder und Jugendliche oft nicht greifbar. Ebenso wenig wie die innere Stimme, dieser innere Kritiker, der den blockierten Zustand mit seinen Ich muss / Ich soll Vorstellungen begleitet. Nicht jeder dieser Gedanken ist gleich eine tiefe Blockade. Aber wenn ein Kind sie oft genug denkt und erlebt, können sie sein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten deutlich schmälern.
Gut gemeint ist manchmal trotzdem Druck
Wie können wir Eltern positiv einwirken? Wir wissen um die Konsequenzen, wenn unsere Kinder und Jugendlichen in der Schule nicht nachkommen. Also erinnern wir ans Lernen, fragen nach den Hausaufgaben, erklären nochmals, machen Vorschläge, motivieren, kontrollieren und werden irgendwann vielleicht auch etwas ungeduldig. Vor allem aber ziehen wir keine Grenze mehr zu den Aufgaben der Schule und den Aufgaben als Eltern – wir übernehmen zu viel und rutschen in andere Rollen ab. Heute werden in der Grundstufe die Hausaufgaben grösstenteils in der Schule erledigt. In Gymnasien und teilweise auch in der Sekundarschule ist dies anders. In jedem Fall aber ist es für Eltern herausfordernd, das Lernen vertrauensvoll dem eigenen Kind und der Schule zu überlassen. Folglich fallen wir in ein bekanntes Muster und machen – oft unbewusst - Druck. Du musst lernen, sonst verlierst du den Anschluss. Wenn du dich besser konzentrieren würdest … Du kannst das doch! Jetzt streng dich doch ein bisschen an.
Alles verständlich. Und meistens gut gemeint. Doch je länger Lernen schwierig ist, desto mehr entwickelt sich Druck. Das Kind spürt: Es müsste eigentlich jetzt lernen (können). Die Eltern denken: Wir müssen doch irgendetwas tun. Und plötzlich beschäftigt die ganze Familie nicht mehr nur der Schulstoff, sondern die Frage, warum das Kind einfach nicht ins Tun kommt. Genau an diesem Punkt lohnt es sich, genau hinzuschauen.
Wenn aus Das geht nicht schleichend Ich kann das nicht wird
Eine Lernblockade entsteht selten von heute auf morgen. Vielleicht beginnt sie mit einem Fach, das Mühe macht. Dann folgt eine schlechte Prüfung. Beim nächsten Mal wird mehr gelernt – und trotzdem reicht es wieder nicht. Irgendwann verändert sich nicht nur die Haltung zur Aufgabe, sondern möglicherweise auch die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten. Aus Das ist schwierig kann Ich bin schlecht darin werden. Und aus Diesmal hat es nicht geklappt irgendwann Bei mir klappt es sowieso nie.
Aus Sicht Psychologie und Forschung spielt hier die Selbstwirksamkeit ein Rolle, also die Überzeugung, mit dem eigenen Handeln etwas bewirken und Herausforderungen bewältigen zu können. Die Forschung zeigt einen Zusammenhang zwischen schulischer Selbstwirksamkeit, Motivation und Leistung auf. Konkret: Wer sich grundsätzlich zutraut, eine Aufgabe bewältigen zu können, geht anders an sie heran als jemand, der schon vor dem Start mit einem Misserfolg rechnet. Das macht Lernblockaden so hartnäckig: Es geht irgendwann nicht mehr nur um Mathematik, Französisch oder die Hausaufgaben. Es geht darum, was ein Kind über sich selbst zu glauben beginnt.
Wenn Anstrengung sich nicht mehr lohnt
Kinder und Jugendliche sind durchaus bereit, sich anzustrengen. Vor allem dann, wenn sie erleben, dass ihre Anstrengung etwas bewirkt. Man sieht dies oft darin, dass Kinder und Jugendliche gerade dann eine höhere Lernmotivation aufweisen, wenn es zum Beispiel um den Notenschnitt für einen Übertritt oder das Bestehen der Lehrabschlussprüfung geht. Nur ist es dann teilweise schon etwas spät, um den schlechteren Notenschnitt anzuheben oder die Fülle an Wissen in den Kopf hineinzupauken. Eltern und Fürsorgepersonen müssen aufhorchen, wenn bei Kindern oder Jugendlichen immer wieder die Erfahrung entsteht: Egal, was ich mache, es funktioniert sowieso nicht. In schulischen Situationen kann sich das in Rückzug, Vermeidung und einer zunehmend negativen Erwartung gegenüber Lernen und Leistung zeigen.
Von aussen sieht dies möglicherweise nach mangelnder Motivation aus und zeigt sich darin, dass erst gar nicht mit den Hausaufgaben oder dem Lernen begonnen wird, die Schwelle zum Aufhören tief und generell kein Interesse spürbar ist. Innerlich kann die Botschaft jedoch eine ganz andere sein: Warum soll ich mich anstrengen, wenn es am Ende sowieso wieder nicht reicht? Das ist ein grosser Unterschied.
Eine Lernblockade ist nicht einfach fehlender Wille
Genau deshalb sind Sätze wie Du könntest es, wenn du nur wolltest schwierig. Sie machen aus einem komplexen Geschehen eine Willensfrage. Natürlich gehört zum Lernen auch Anstrengung. Aber Lernfähigkeit entsteht nicht im luftleeren Raum. Gefühle, Erwartungen, Erfahrungen und die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten spielen mit hinein. Kommt zusätzlich Angst oder starker Stress dazu, wird es nochmals anspruchsvoller. Auch die Aufmerksamkeitsspanne ist heute ein Thema, das einbezogen werden muss. Verschiedene Studien haben diese untersucht. Denn im Zeitalter von Social Media, der konstanten Berieselung mit Informationen, wird es für Kinder und Jugendliche immer schwieriger, länger an einer Aufgabe zu bleiben, sich zu konzentrieren und zu fokussieren.
Aufmerksamkeit ist nicht einfach etwas, das man ein- und ausschalten kann. Unser Gehirn muss laufend Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden, störende Reize ausblenden und die Aufmerksamkeit wieder dorthin zurückbringen, wo sie gerade gebraucht wird. Forschungen zur Aufmerksamkeitskontrolle zeigen, dass Angst einen Teil unserer Aufmerksamkeit binden und den Fokus stärker auf mögliche Bedrohungen oder Fehler lenken kann. Auch das Arbeitsgedächtnis – vereinfacht gesagt jener mentale „Arbeitsplatz“, den wir zum Rechnen, Verstehen, Kombinieren und Problemlösen benötigen – kann unter Stress und Angst weniger effizient zur Verfügung stehen.
Die neuere Forschung versteht Aufmerksamkeitskontrolle entsprechend nicht als einzelne Fähigkeit, sondern als Zusammenspiel verschiedener Prozesse. Und dabei funkt uns nicht nur das Handy auf dem Tisch dazwischen. Auch im eigenen Kopf kann ziemlich viel los sein: Ich verstehe das sowieso nicht. Ich bin viel zu langsam. Das schaffe ich nie. Was, wenn ich wieder eine schlechte Note schreibe? Solche Gedanken können Aufmerksamkeit beanspruchen. Das bedeutet nicht automatisch, dass ein Kind schlechter lernt oder weniger leisten kann. Manche Kinder können innere Anspannung lange durch zusätzliche Konzentration und Anstrengung ausgleichen. Von aussen sieht dann vielleicht alles ganz normal aus, für das Kind selbst kostet Lernen jedoch enorm viel Kraft.
Die Idee „Dann müssen wir eben die Konzentration trainieren“ greift meistens zu kurz. Für mich ist deshalb eine andere Frage viel interessanter: Was beansprucht die Aufmerksamkeit dieses Kindes gerade so sehr, dass Lernen anstrengend oder schwierig wird? Vielleicht ist es tatsächlich Ablenkung. Vielleicht aber auch Druck, die Angst vor einem erneuten Misserfolg, eine ungute Erfahrung, ein hoher eigener Anspruch oder die längst verfestigte Überzeugung: Ich kann das nicht. Das Kind sitzt also möglicherweise vor seiner Aufgabe und will durchaus. Nur ist Konzentrier dich doch einfach manchmal sehr viel leichter gesagt als getan.
Das Kind sitzt also möglicherweise vor einer Aufgabe und will durchaus – gleichzeitig läuft innerlich so viel mit, dass Lernen deutlich schwerer wird. Und genau deshalb reicht es manchmal nicht, einfach noch mehr zu üben.
Was die Blockade aufrechterhält, ist nicht bei jedem Kind dasselbe
Das ist für mich einer der wichtigsten Punkte. Eine Lernblockade ist keine Diagnose und auch kein einheitliches Phänomen. Beim einen Kind steckt vielleicht die Überzeugung dahinter, nicht gut genug zu sein. Beim nächsten eine unangenehme Erfahrung mit einer Lehrperson. Ein anderes hat über längere Zeit erlebt, dass Anstrengung kaum zum gewünschten Erfolg führt. Wieder ein anderes steht unter einem enormen eigenen Leistungsanspruch.
Und manchmal spielt auch das Umfeld eine Rolle: Erwartungen der Schule, Dynamiken in der Klasse oder das, was ein Kind glaubt, von seinen Eltern erfüllen zu müssen. Deshalb geht das systemische Lerncoaching nicht von einer fertigen Erklärung aus. Eine Blockade kann sich auf einzelne Fächer, Lernstoff oder Lehrpersonen beziehen – oder viel grundsätzlicher auf Schule und Lernen. Entscheidend ist herauszufinden, was tatsächlich dahintersteht und wodurch die Blockade verstärkt oder abgeschwächt wird.
Nicht die Blockade bekämpfen – sondern verstehen, was sie erzählt
Das klingt vielleicht zunächst ungewohnt. Denn natürlich möchten Eltern und Kind vor allem eines: Dass es endlich wieder funktioniert. Im Coaching gehen wir Schritt für Schritt in diese Lösung. Zunächst aber gilt es, die Lernblockade ernst zu nehmen. Wann ist sie da? Wann nicht? Was löst sie aus? Was denkt und fühlt das Kind in diesen Momenten? Und wovor schützt es sich vielleicht, wenn es gar nicht erst mit Lernen beginnt?
Wenn wir verstehen, was die Lernblockade aufrechterhält, können wir an einer anderen Stelle ansetzen als nur beim sichtbaren Verhalten. Wieder erleben: Ich kann etwas bewirken. Am Ende geht es für mich im Coaching um etwas Grundlegenderes: Dass die Kinder und Jugendlichen wieder erleben, dass das eigene Handeln einen Unterschied macht. Eine Aufgabe beginnen und merken: Ich komme weiter. Etwas Schwieriges schaffen und denken: Vielleicht kann ich das doch. Eine Erfahrung machen, die nicht wieder dieselbe alte Geschichte bestätigt.
«Selbstvertrauen wächst vor allem dann, wenn Kind und Jugendliche selbst erleben: Ich habe etwas geschafft, von dem ich dachte, dass ich es nicht kann.»
So unterstütze ich Ihr Kind
Im systemischen Lerncoaching möchten wir verstehen, welche inneren Dynamiken die Kinder und Jugendlichen begleiten und was sie brauchen, damit Lernen wieder mit mehr Zutrauen, Selbstwirksamkeit und innerer Beweglichkeit verbunden werden kann. Manchmal ist die entscheidende Frage eben nicht: Wie bringen wir mein Kind endlich zum Lernen? Sondern: Was müsste sich verändern, damit es sich das Lernen wieder zutraut?
Lernblockaden unterscheiden sich von Blackout bei Prüfungen. Im Blog können Sie auch Wissenswertes über den Einfluss von Achtsamkeit bei Kindern und Jugendlichen nachlesen.
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