Wenn Arbeit und Leben längst nicht mehr sauber getrennt sind

Work-Life-Balance klingt eigentlich einfach. Hier die Arbeit. Dort das Leben. Und dazwischen möglichst eine schöne, ausgeglichene Waage. Nur hat diese Vorstellung mit unserem Alltag oft wenig zu tun. Das Handy liegt beim Abendessen daneben. Im Homeoffice steht der Laptop drei Meter vom Sofa entfernt. Beim Wandern kommen Ideen fürs neue Projekt.

Arbeit und Privatleben lassen sich nicht immer ordentlich in zwei Schubladen sortieren. Vielleicht brauchen wir deshalb weniger die perfekte Balance, sondern mehr Klarheit darüber, wie wir mit den Übergängen umgehen wollen.

Balance bedeutet nicht fünfzig - fünfzig

Es gibt Wochen, in denen die Arbeit mehr Raum braucht. Vor einer wichtigen Präsentation, in einer Führungsrolle, während eines grossen Projekts oder bei personellen Engpässen. Und es gibt Zeiten, in denen das Private Vorrang bekommt. Balance muss deshalb nicht bedeuten, jeden Tag exakt gleich viel Energie auf beide Lebensbereiche zu verteilen. Entscheidender ist die Frage: Habe ich über längere Zeit noch genügend Einfluss darauf, wohin meine Zeit und Energie fliessen? Oder bestimmt fast nur noch das, was dringend ist?

Flexibilität kann entlasten und Grenzen auflösen

Homeoffice und hybride Arbeit haben vieles erleichtert. Weniger Pendeln, mehr Selbstbestimmung, flexiblere Tagesgestaltung. Die aktuelle Forschung zeigt, dass mobiles Arbeiten zwei Seiten hat. Die Auswirkungen hängen stark davon ab, wie Arbeit organisiert ist, wie Menschen mit mobilem Arbeiten umgehen und wie anpassungsfähig sie ihre eigene Arbeitsweise erleben. Schweizer Studien zeigen, wie wichtig die Gestaltung der Grenzen zwischen Beruf und Privatleben ist. Es erstaunt nicht, dass Untersuchungen zu Homeoffice und Work-Life-Balance darauf hinweisen, dass Faktoren wie Erholungsmöglichkeiten, Privatsphäre und die Abgrenzung der Lebensbereiche eine wichtige Rolle für das Wohlbefinden spielen.

Flexibilität allein macht also noch keine Work-Life-Balance. Manchmal bedeutet sie schlicht: Ich kann jederzeit arbeiten. Und aus «kann» wird schneller als gedacht ein «sollte eigentlich noch».

Wenn der Arbeitstag im Kopf weitergeht

Arbeit endet nicht immer mit dem Zuklappen des Laptops. Ein schwieriges Gespräch läuft beim Kochen weiter. Eine unerledigte Aufgabe taucht kurz vor dem Einschlafen wieder auf. Im Restaurant kommt die Nachricht eines Kollegen und plötzlich ist man gedanklich zurück im Projekt. Das Problem ist dabei nicht jede einzelne Unterbrechung. Es ist die fehlende Erholung, wenn das berufliche System innerlich dauerhaft auf Empfang bleibt.

Erholung bedingt Phasen, in denen Anforderungen tatsächlich zurücktreten. Damit ist nicht zwingend ein Wellness-Tag oder ein Wochenende ohne Termine gemeint. Manchmal beginnt sie viel kleiner: mit dem guten Gefühl, gerade nicht zuständig sein zu müssen. Das hört sich so einfach an, kann aber herausfordernd sein. Es gilt, seine eigene Situation ehrlich zu betrachten, die Erwartungshaltung an sich selber zu überdenken und einen für sich stimmigen Weg zu finden. Stimmig bedeutet immer in Einbezug von Kopf, Gefühlen und Körperwahrnehmungen. Erst dann kann sich nachhaltige Veränderung einstellen.

Die unsichtbare Arbeit zählt auch

Work-Life-Balance wird häufig auf Arbeitsstunden reduziert. Aber unser Energiehaushalt zählt anders. Ein voller Arbeitstag endet vielleicht um 17 Uhr. Danach folgen Einkaufen, Kinder, Angehörige, Organisation, Termine und die hundert kleinen Dinge, an die jemand denken muss. Auch Verantwortung ausserhalb des Jobs kostet Energie. Und umgekehrt kann Arbeit eine wichtige Ressource sein: Sie kann Sinn, soziale Kontakte, Anerkennung und Freude geben.

Deshalb mag ich die Vorstellung nicht, dass Arbeit grundsätzlich Energie nimmt und Privatleben sie wieder auffüllt. Die wichtige Frage lautet: Welche Bereiche meines Lebens zahlen positiv auf meine Balance ein und welche fordern momentan mehr, als sie zurückgeben? 

Grenzen müssen nicht immer laut sein

Bei Grenzen denken wir schnell an ein deutliches Nein. Manchmal sind Grenzen aber viel unspektakulärer. Die Mail bleibt bis morgen liegen. Der Laptop bleibt am Abend zu. Der freie Nachmittag wird nicht mit «nur noch kurz» gefüllt. Eine Aufgabe wird delegiert. Oder man sagt im Team offen: Das geht in dieser Zeit nicht zusätzlich. Gerade leistungsorientierten Menschen fällt häufig nicht die Arbeit selbst am schwersten, sondern das bewusste Nicht-Erledigen.

Doch eine Grenze bedeutet nicht: Mir ist das egal. Sie kann genauso bedeuten: Mir ist wichtig, dass ich meine Arbeit auch langfristig gut machen kann - Stichwort Burnout Prävention.

Work-Life-Balance ist keine reine Privatsache

Auch hier lohnt sich ein Blick auf die Forschung. Arbeitsbedingungen wie hohe Anforderungen, lange Arbeitszeiten oder mangelnde Unterstützung stehen mit Belastung und Burnout in Zusammenhang. Ressourcen wie Autonomie und soziale Unterstützung wirken dagegen eher entlastend. Deshalb ist Work-Life-Balance nicht ausschliesslich eine Kompetenz des Mitarbeitenden. Organisationen gestalten mit. Durch Arbeitsvolumen, Führung, Erreichbarkeitserwartungen, flexibler Arbeitsgestaltung, Vertretungsregelungen. Und nicht zuletzt durch die Kultur: Darf jemand tatsächlich abschalten oder stehen unausgesprochene Erwartungshaltungen im Raum?

«Balance ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann besitzt. Sie muss immer wieder neu ausgehandelt werden.»

So unterstütze ich Sie

Im Coaching suche ich nicht nach der perfekten Aufteilung zwischen Arbeit und Freizeit. Wir schauen vielmehr darauf, wie das eigene Leben aktuell tatsächlich aussieht. Wo fliesst viel Energie hin? Wo fehlt Erholung? Welche Erwartungen kommen von aussen und welche machen wir uns selbst? Welche Grenzen wären hilfreich und welche Veränderungen realistisch? Und insbesondere zu erkennen, wie wir es schaffen, den Teil, den wir selbst in der Hand haben, bestmöglich für unser Wohlbefinden zu steuern. Siehe dazu auch Standortanalyse und Business Coaching.

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