Stress am Arbeitsplatz bleibt nicht im Büro.

Wenn der Kopf auch nach Feierabend nicht loslässt

Ein anspruchsvoller Arbeitstag ist vorbei. Der Laptop ist zu, der Körper müde und trotzdem läuft der Kopf weiter. Das Gespräch mit der Kollegin. Die Mail, auf die man noch nicht geantwortet hat. Das Projekt, das eigentlich schon weiter sein müsste. Der Termin von morgen. Man sitzt beim Abendessen, liegt im Bett. Körperlich längst erschöpft, gedanklich aber noch mitten im Arbeitstag.

Stress bleibt eben nicht dort, wo er entstanden ist.

Stress ist nicht grundsätzlich schlecht

Stress hat zunächst eine wichtige Funktion. Er hilft uns, Energie zu mobilisieren, aufmerksam zu sein und auf Anforderungen zu reagieren. Ein gewisses Mass an Anspannung vor einer Präsentation, einem wichtigen Gespräch oder einer anspruchsvollen Aufgabe kann sogar hilfreich sein. Wir sind wach, fokussiert und leistungsbereit. Hier wird häufig von Eustress gesprochen: einer Form von Stress, die wir als herausfordernd, aber grundsätzlich bewältigbar erleben. Die Anforderungen sind da – wir haben aber das gute Gefühl, über genügend Fähigkeiten, Einfluss oder Ressourcen zu verfügen, um damit umzugehen. 

Anders sieht es aus, wenn Anforderungen als dauerhaft zu hoch, kaum beeinflussbar oder nicht mehr bewältigbar erlebt werden. Dann spricht man von Distress. Diese Art von Stress wirkt destruktiv auf unsere psychische und körperliche Gesundheit. Distress hemmt, blockiert und macht ängstlich, gereizt und erschöpft. Es kann zu Veränderungen des autonomen Nervensystems sowie Gefäss-, Immun- und Kreislaufreaktionen kommen. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird höher.

Die Grenze ist dabei nicht für alle Menschen gleich. Was die eine Person beflügelt, kann eine andere stark belasten. Und selbst etwas, das zunächst motivierend war, kann zum Distress werden, wenn Intensität und Dauer zunehmen und Erholung fehlt. Entscheidend ist also nicht nur: Wie viel Stress habe ich? Sondern auch: Wie erlebe ich die Anforderungen und habe ich noch genügend Möglichkeiten, darauf Einfluss zu nehmen und mich davon zu erholen?

Wenn der Kopf nicht mehr abschaltet

Bei länger anhaltendem Stress zeigt sich Belastung oft auf mehreren Ebenen. Der Körper ist vielleicht müde und verspannt. Der Schlaf wird unruhiger. Kopf- oder Rückenschmerzen treten häufiger auf. Gleichzeitig fällt es schwer, gedanklich loszulassen. Man geht Gespräche immer wieder durch, denkt voraus, sucht Lösungen oder beschäftigt sich mit Dingen, die längst nicht mehr zu ändern sind.

Gerade dieses gedankliche Weiterarbeiten erschwert die Erholung. Denn Arbeitsschluss bedeutet nicht automatisch, dass innerlich ein Abschalten per Knopfdruck stattfindet. Und irgendwann merkt man vielleicht: Ich habe zwar freie Zeit, aber ich fühle mich darin nicht mehr wirklich frei.

Stress bleibt selten im Büro

Arbeitsstress überträgt sich leider zu oft auf das private Umfeld. Die Forschung spricht deshalb schon länger vom Work-Family-Conflict: Anforderungen aus einem Lebensbereich können die Möglichkeiten und Ressourcen im anderen beeinträchtigen. Belastungen aus der Arbeitswelt können also nicht nur das eigene Wohlbefinden beeinflussen, sondern auch Beziehungen und Familienleben. Umgekehrt können natürlich ebenso private Belastungen in die Arbeit hineinwirken. Die Thematik rund um Homeoffice und hybride Arbeit zeigt zusätzlich, wie wichtig die Gestaltung dieser Grenzen geworden ist.

Sichtbar wird der Stress, indem man zu Hause schneller gereizt reagiert. Weniger Geduld hat. Nur halb zuhört. Man nur seine Ruhe möchte und selbst schöne Verabredungen als zusätzlichen Termin empfindet. Das passiert nicht bewusst. Der Stress ist ein unsichtbarer Begleiter, der die Steuerung übernommen hat. Stress betrifft in vielen Fällen nicht nur die Person, die unter Druck steht. Partnerinnen und Partner, Kinder, Freunde oder Kolleginnen und Kollegen spüren ebenfalls, wenn jemand über längere Zeit kaum noch innere Kapazität übrig hat.

Wie Stress auf die Arbeitswelt wirkt

Dauerstress wirkt im Privaten und Beruflichen. Unter hohem Zeitdruck wird Kommunikation schneller und oft knapper. Rückfragen können stärker nerven. Fehler fühlen sich grösser an. Die Bereitschaft, zuzuhören oder unterschiedliche Perspektiven auszuhalten, kann sinken.

Die WHO nennt unter anderem hohe Arbeitslast, starken Zeitdruck, geringe Kontrolle über die eigene Arbeit, lange oder unflexible Arbeitszeiten, fehlende Unterstützung und Konflikte zwischen beruflichen und privaten Anforderungen als relevante psychosoziale Risiken am Arbeitsplatz. Stress wird damit nicht nur zu einer persönlichen Frage. Er ist auch ein Thema von Arbeitsorganisation, Führung und Unternehmenskultur. Man soll und darf sehr genau prüfen, welche Verantwortung auch vom Unternehmen wahrgenommen werden muss und diese für sich einfordern.

Wenn aus Belastung immer weniger Leben wird

Unter Stress passiert häufig etwas Paradoxes: Wir streichen als Erstes das, was gerade nicht dringend erscheint, und konzentrieren uns dabei meist auf das Private. Es verschwinden damit nach und nach genau jene Dinge aus dem Alltag, die Erholung, Freude oder Abstand ermöglichen können.

Sport? Heute nicht.

Freunde? Diese Woche lieber nicht.

Mittagspause? Keine Zeit.

Spazieren? Morgen wieder.

Kurzfristig schafft das tatsächlich Zeit. Wir bezahlen dafür aber einen hohen Preis. Denn daraus entwickelt sich ein Kreislauf: Je belasteter wir sind, desto weniger tun wir von dem, was uns entlastet.

Was hilft, bevor Stress zum Dauerzustand wird?

Es gibt nicht die eine richtige Methode. Aber ein paar Dinge sind aus Forschung und Praxis besonders sinnvoll.

  • Die eigenen Stresssignale kennen. Nicht erst fragen, ob man noch funktioniert, sondern beobachten: Wie schlafe ich? Wie schnell werde ich gereizt? Kann ich abschalten? Habe ich noch Lust auf Menschen und Dinge, die mir normalerweise guttun?
  • Echte Erholung ermöglichen. Eine Pause, in der nebenbei Mails gelesen werden, ist keine wirkliche Pause. Bewegung, soziale Kontakte, Schlaf und Zeiten ohne berufliche Anforderungen unterstützen Regeneration. Die WHO empfiehlt neben organisatorischen Massnahmen unter anderem körperliche Aktivität und psychosoziale Methoden zur Stressbewältigung.
  • Belastung konkret machen. Ich habe Stress ist schwer zu verändern. Hilfreicher ist: Was genau erzeugt ihn? Zu viele Aufgaben? Unklare Prioritäten? Konflikte? Verantwortung ohne Entscheidungsspielraum? Ständige Erreichbarkeit?
  • Grenzen nicht nur privat lösen. Grösstenteils braucht es nicht mehr persönliche Disziplin, sondern ein Gespräch über Arbeitsmenge, Prioritäten, Zuständigkeiten oder Unterstützung.

Und vielleicht die wichtigste Frage: Was müsste sich verändern, damit ich nicht nur besser mit dem Stress umgehen kann, sondern weniger davon entsteht?

«Arbeitsstress endet nicht automatisch mit dem Arbeitstag. Umso wichtiger ist es, früh zu merken, wann er beginnt, zu viel Raum im restlichen Leben einzunehmen.»

So unterstütze ich Sie 

Im Coaching geht es nicht darum, Stress vollständig aus dem Leben zu verbannen. Eine herausfordernde Aufgabe darf fordern. Eine wichtige Präsentation darf nervös machen. Und manche intensive Phase gehört zum Berufsleben dazu. Entscheidend wird es dort, wo aus zeitweiliger Anspannung ein Zustand wird, aus dem man kaum noch herausfindet.

Gemeinsam schauen wir darauf, was Druck erzeugt, welche persönlichen Stressmuster mitspielen, welche Warnsignale sich zeigen und wo Veränderung möglich ist. Dies im eigenen Umgang mit Anforderungen und hinsichtlich Arbeitsbedingungen und Arbeitsgestaltung.

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